Wann wird ein Raum zu einem Ort?

zu den Neuen Arbeiten von Dieter Call, 2011

von Prof. Wolfgang Becker

Wenn ich nachts aus dem Haus trete, scharre ich mit dem rechten Fuß auf den Steinen, bis ich die glatte Blausteinstufe ertaste, unter der der Bürgersteig beginnt. Der Raum, in dem ich mich bewege, scheint schwarz, die Stufe ist der Ort, der mir die Orientierung erlaubt. Ich höre die Geräusche und Klänge der Straße stereometrisch, räumlich, ich verorte mich akustisch. Hinter den Augenlidern sehe ich energetische Linien, „verstockte Energien“, die darauf warten, aufgeräumt zu werden. Sie sind mein „Qui“ , jene Lebensenergie, die Taoisten definieren.

Die Arbeit Dieter Calls kreist um das Räumen. Sie bildet nichts ab, sie ist kein Spiegel der Wirklichkeit. Sie setzt die Geschichte des abstrakten Denkens in der Kunst fort, die sozusagen 1915 begann, als Kasimir Malewitsch das kleine Bild „Schwarzes Viereck auf weißem Feld“ in dem Winkel zwischen Decke und zwei Wänden in einer Petersburger Galerie ausstellte. Die Ausstellung hieß 0.10, weil sie einen Nullpunkt in der Kunst, einen absoluten Neubeginn vorstellen und Werke von zehn Künstlern zeigen sollte. Malewitsch nannte sich und seine Gruppe Suprematisten: „„Unter Suprematismus verstehe ich die Suprematie der reinen Empfindung in der bildenden Kunst. Vom Standpunkt des Suprematismus sind die Erscheinungen der gegenständlichen Natur an sich bedeutungslos; wesentlich ist die Empfindung als solche, ganz unabhängig von der Umgebung, in der sie hervorgerufen wurde.“
Call hat dem „Schwarzen Quadrat“ ein Pendant geschaffen: ein Quadrat aus behauenen und eingerußten Fichtenholzklötzen, eine Bodenskulptur, ein trigonometrischer Ort im Raum.
Wie erkennt man die, die es ablehnen, die wirkliche Welt abzubilden, die nicht an ihrer Schönheit und Hässlichkeit teilnehmen und so tun, als seien sie blind? Sie meiden Farben, ihre Werke sind schwarz, grau und weiß, sie reizen den Tastsinn, sie suchen nach Geräuschen und Klängen, nach der Nähe zu den Abstraktionen der Musik. Sie lieben Synästhesien. Sie lösen sich vom Rhythmus der Wirklichkeit, indem sie ihn entschleunigen.
Die Videoarbeiten Calls aus Völklingen und Savoyeux bieten Argumente für diese Behauptungen. Sie zeigen verlassene, einsame Orte.
Hier bewegt sich die Kamera langsam durch einen hinfälligen Innenraum der Völklinger Hütte, kreist um die Türen der Schränke, die lose in ihren Angeln hängen, bewundert die Ornamentik ihrer Altersfalten und –narben, die Schatten der abblätternden Farbe und fragt nach den Geräuschen, die – wie eine Musik des Verdämmerns, ein fernes Echo der mächtigen Klänge eines Hüttenwerks – aus den Schränken hervorzudrängen scheinen.
Dort leitet sie den Blick auf einen verlassenen Schienenstrang, der über eine Brücke in einsamer Landschaft führt, lässt die Geräusche von Anglern und Booten am Fluss darunter zu und führt ihn in sieben Minuten unendlich langsam zwei Spangen entgegen, die versetzt die Schienen zu sperren scheinen - und an ihnen vorbei. Die Wirklichkeit, die französische Landschaft, die Eisenbahnbrücke sind so reizlos, dass der Blick, der sieben Minuten darauf zu schauen aushält, über die Tiefenperspektive der Schienen zurückfällt in das Auge des Betrachters und ihn einen Ort im Raum nicht sehen, sondern empfinden lässt.
Im Kreis der Suprematisten entstand die Vorstellung der Kunst als Produktgestaltung, eines „Design“, das dazu dient, die Bewegungen menschlicher Gemeinschaften zu lenken, zu ordnen, friedliches urbanes Leben zu ermöglichen. Der Anspruch des Produktgestalters ist frei von jenem Prestigedenken, von der scheinbaren Erhabenheit, die die Vorstellung von Kunst umgibt.
In diesem Sinn ist Dieter Call ein Produktgestalter, der Sohn eines Schreiners, der in einer Tischlerwerkstatt aufgewachsen ist. Seine Zeichnungen paraphrasieren Architektenpläne, Bodenskulpturen sind „Vermessungswinkel“ aus geschnittenem und gefrästem Lärchenholz, und die Holzschnitte sind nicht Drucke auf Papier von hölzernen Druckstöcken, sondern geschnittene dünne Bretter aus Lindenholz, die in Winkeln zueinander geordnet mit Nägeln an die Wand geheftet sind.
Mit solchen „Vermessungswinkeln“ hat Call 2008 in Berlin die Neue Nationalgalerie und das Brandenburger Tor „vermessen“ – in versteckten Aktionen „dem Großen“ „ein Kleines“ , eine Passform hinzugefügt.
Diese bildnerische Fantasie stellt sich nicht gegen die Welt, behauptet, statuiert nicht, sondern fragt, untersucht, legt Messlatten an. „Versuch einer Räumlichkeit“ nennt Call ein Projekt, das ihn 2010 mehrere Wochen in der Ruine einer großflächigen Montagehalle der Bahn in der Nähe des Saarbrücker Hauptbahnhofs festgehalten hat. Die langen Mauern, die die Sheddächer trugen, stehen als schräge Zacken vor dem Himmel, und einige stützende Stahlstempel bewahren sie vor dem Einstürzen. Hier hat er gezeichnet, fotografiert und schlichte Dachlattenpaare in unregelmäßigen Abständen so gegen die Mauern gestellt, dass eine, schräg im Boden fixiert, die andere, an die Mauer gedrückt, trägt. Das Verhältnis der beiden zueinander ist so labil und ihr Maßstab zu den Mauern so substanzlos, dass sie jeder, der im Gelände auf sie stößt, nur für trigonometrische Spielformen halten kann.
Kunsthistoriker finden in ihren Fachbüchern zuweilen Abbildungen von Gemälden, die ein forschender Geist mit Leitlinien (Perspektiven, Fluchtpunkten) bedeckt hat. Sie zeigen genauso Ordnungen, die jenseits der Bilder existieren, wie Call sie in der gefühlsbeladenen Welt der Ruinen aufbaut. Die abstrakten Regelsysteme lauern hinter der Wirklichkeit, sie stützen sie.
Diese Regelsysteme haben sich seit dem Beginn des 20. Jh., als Physiker wie Einstein und Mathematiker wie Fréchet sie neu bestimmten, radikal erneuert und große Umwälzungen verursacht. Fréchet fügte den Räumen der euklidischen Geometrie metrische, topologische und Vektorräume hinzu, und im Zeitalter der Massenmedien ist die Wahrnehmung der Menschen nicht mehr von der Zentralperspektive bestimmt, sondern von Pixeln. Sie differenzieren nicht mehr Gestalten und Umrisse, sondern dedifferenzieren Blöcke von Zeichen.
Für die Künstler der Generation, der Call angehört, entsteht ein neues Selbstverständnis. Sie ersetzen nicht nur die Philosophen, sondern sie versuchen, gleichsam holistisch einen Sprung in die Wissenschaft.
Sie geraten in das offene Feld des Taoismus und, wenn sie sich mit Räumen beschäftigen, in die Lehren des FENG SHUI, Sie fragen nicht nur, sie forschen. Es war die Raumparabel einer Forschung, die Bruce Nauman 1968 schuf, als er den Raum unter einem vierfüßigen Stuhl mit Beton ausgoss und als Skulptur ausstellte.
2010 schuf Dieter Call mit Anja Voigt die „Mobile Forschungsstation“, einen „Schutz- und Arbeitsraum für künstlerische Forschungsaktivitäten“: ein spärlich eingerichtetes Zelt, das mit vier Adaptern auf Eisenbahnschienen oder mit 24 leeren Wasserkanistern auf offenem Wasser platziert werden kann. Der erste Ort für den definierten Raum war jene Brücke in Savoyeux, auf der die Video-Arbeit entstanden ist.
Wo beginnt künstlerische Forschung? In der Geomantik und den Parawissenschaften? Kann sie eine Kybernetik der Wahrnehmungsforschung sein?
Dieter Call gehört zu denen, die eine Ahnung davon vermitteln, was Kunst in der Zukunft sein wird. Er suggeriert auch den Wunsch, dass das schändlich missbrauchte Wort durch ein anderes ersetzt wird. Er versagt sich freilich nicht zu malen. Aber die schwarzen Rechtecke auf seinen Leinwänden sind keine Quadrate, sondern komplexe Räume, die offene, bewegliche Winkel begrenzen.

Prof. Dr. Wolfgang Becker
Direktor i. R. des Ludwig-Forum für Internationale Kunst, Aachen


Räume – Polaritäten

Dieter Call erreicht in seiner künstlerischen Arbeit mit minimalistischen Formulierungen ein Höchstmaß an sinnlicher Kohärenz. Vielfach ausgehend von räumlich motivierten Situationen entfalten einzelne Gestaltungselemente in ihrer Wechselwirkung produktiv-schwebende Spannungsverhältnisse, die assoziativ- changierende Wahrnehmungshorizonte eröffnen.
Raum als Gestaltungsanlass wird gleichermaßen forschend strukturiert und rhythmisiert, wie auch durch konkret- konstruktive Orientierung hinsichtlich der jeweils spezifischen Durchdringung synästhetischer Qualitäten sinnlich beschrieben.
Die Außenrauminstallation Vermessung einer Landschaft verdeutlicht diesen Arbeitsansatz in besonderer Weise.
Bei Düren platziert Dieter Call etwa 40 Stangen auf einer Wiese. Die hohen, schlanken Holzstäbe sind geschwärzt und mit der Axt grob behauen, so dass an den Objekten eine unregelmäßig vibrierende Oberfläche entsteht.
Organisch mit vegetabilischer Prägung recken sich die Stäbe empor, markieren Punkte sowie Strecken und bezeichnen in ihrer Konstellation Areale, die durch die Bewegung des Betrachters variieren. Raum wird hier nicht begriffen als fest umgrenztes Gebilde, das eine künstlerische Arbeit in sich aufnimmt, sondern als dynamisches, durch künstlerische Gestaltung aktiviertes Medium. Trotz der festen Verortung entfalten die Einzelelemente der Installation eine Bewegtheit innerhalb der Landschaft, die, musikalisch konnotiert, eine rhythmisch-tänzerische Komposition entstehen lässt. Sechs kleine Holzblöcke sind mit einem der Stäbe verbunden und erscheinen hier wie Energie spendende Batterien, die „Antennen“ versorgen - sensible Aggregate, die Signale sowohl empfangen als auch aussenden. Dieser Aspekt unterstreicht gleichermaßen die Interaktion der Holzstangen untereinander wie auch die Korrespondenz mit dem räumlichen Kontext.
Die tiefschwarze Färbung der Stangen akzentuiert die grafisch-abstrahierte Qualität der Installation, die sich dennoch organisch in die umgebende Landschaft einfügt.
Die installative Intervention im Raum erweist sich so in der Eigenständigkeit und Autonomie ihrer Elemente ebenso autark wie integrativ im Zusammenspiel mit den Aspekten des Raumes und der Landschaft.

Dr. Andreas Bayer Kunsthistoriker
Aus TERZ Katalog zur Ausstellung im Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken 2008


RAUM – FELD – ZEICHEN

Die Titelgebung ruft einige der zentralen soziologischen Grundbegriffe auf, mit denen Positionen von Individuen in der Gesellschaft beschrieben werden.
Das sich in den Objekten, Plastiken und Installationen von Dieter Call zeigende Experimentieren an Grenzbereichen zwischen Form und Struktur, sein Interesse an Beziehungen und Bewegungen von Einzelteilen im Raum, aber auch die Suche nach Verdichtungen, Häufungen und Bündelungen von Elementen als Hinweise auf deren Position, entspricht einer dem sozialwissenschaftlichen Interesse vergleichbaren Suchbewegung. Diese besteht darin, Beziehungen aus Unterschieden zu ermessen und in ihrer Eigenart zu verstehen...
Konstruiert man den sozialen Raum, diese unsichtbare, nicht herzeigbare und nicht anfaßbare, den Praktiken und Vorstellungen der Akteure Gestalt gebende Realität, so stößt man auf ein System differentieller Abstände, über das sich die unterschiedlichen Positionen definieren und in verschiedenen Ausdrucksweisen von Individuen niederschlagen.
Kunst vermag uns das mit ihren abstrakten Formen und Strukturen begreifbar zu machen, und daraus schöpft ästhetische Erkenntnis ihre Kraft. Gerade da sie nicht begrifflich operiert, vermag sie einen Horizont zu entwerfen, auf dem wir uns als Betrachter sowohl mit dem Empfinden als auch mit Begriffen zurecht zu finden suchen. Dabei kann das Empfinden oftmals eine über die begrifflichen Möglichkeiten hinausgehende Ebene ansprechen, die sehr erkenntnisträchtig ist, gerade da sie in unserer rationalen Ordnung so gut wie keinen Raum hat. Mit der Installation Raum-Feld-Zeichen lädt Dieter Call uns ein, eine solche Erfahrung zu machen.

Dr. Udo Goettlich
aus d. Eröffnungsansprache zur Installation Raum-Feld-Zeichen in Aachen, 2001